10 Jahre «Leitfaden für den interreligiösen Dialog»: Folge 3
Räume, wo sich Menschen begegnen, einander zuhören und wo sie konstruktiv miteinander diskutieren können: Im Zeitalter von Social Media sind sie noch wichtiger geworden. Auch, aber nicht nur für den interreligiösen Dialog.
«Diese verfluchte Grill- und Partygesellschaft!», schimpfte der Schriftsteller Peter Bichsel im Jahr 2010 in einem Gespräch mit SRF-Literaturredaktor Heini Vogler.[1] Zu Recht, wie ich finde. Nichts gegen Grillieren und Partys. Aber Hand aufs Herz: Stellen Sie sich mit Menschen an den Grill, die ganz andere Werte und Haltungen vertreten als Sie? So wie sich in der guten alten «Beiz», der Bichsel wehmütig nachtrauert, manchmal auch ganz unterschiedliche Menschen mit ihrem Bier an denselben Tisch zu setzen pflegten?
Es gibt immer weniger Orte, wo sich ganz unterschiedliche Menschen mit ganz unterschiedlichen Ansichten begegnen und miteinander ins Gespräch kommen können. Der interreligiöse Dialog ist ein solcher Raum. Neugier und Interesse am Gegenüber sowie Respekt und eine Offenheit zum Teilen der eigenen Traditionen bilden hier den Rahmen für Begegnung und Horizonterweiterung.
Gesellschaftlicher Polarisierung entgegenwirken
«Aktiv zuhören»: Im «Leitfaden für den interreligiösen Dialog» des Interreligiösen Think-Tanks aus dem Jahr 2013[2] kommt der Aspekt des Zuhörens an einigen Stellen vor, ist aber keine eigene Leitlinie für das Gelingen interreligiöser Dialoge. Das wäre heute, im Jahr 2025, wahrscheinlich anders. Um der sich seit der Corona-Pandemie zuspitzenden gesellschaftlichen Polarisierung entgegenzuwirken, ist die Bedeutung des Einander-Zuhörens noch mehr ins Bewusstsein gerückt.[3] Aktiv zuhören: Freundinnen, Freunden und Familie ebenso wie weniger vertrauten Personen ausserhalb der eigenen sozialen «Bubble».
Mit Neugier und Interesse hatte einst der biblische Abraham zugehört, als unvermittelt der ihm bislang unbekannte Gott sich an ihn wandte. «Und der Herr sprach zu Abram: Geh aus deinem Land (…) in das Land, das ich dir zeigen werde (…). Da ging Abram, wie der Herr es ihm gesagt hatte» (Genesis 12,1–4).[4] Heute würde Abram/Abraham dafür für verrückt erklärt. Die Bereitschaft, mit der er der unbekannten Stimme sein Ohr schenkt, vermag jedoch zu berühren. Abraham hört genau zu. Später wagt er auch den Dialog mit Gott, beispielsweise als er die Vernichtung Sodoms zu verhindern versucht: «Willst du wirklich den Gerechten zusammen mit dem Frevler wegraffen?», fragt er Gott. «Vielleicht sind fünfzig Gerechte in der Stadt. Willst du sie wirklich wegraffen?» (Genesis 18,23–24). Gott hört ihm zu.
Wer zuhört, lässt sich auf eine Begegnung ein. Zuhören verlangt Aufmerksamkeit und Konzentration. Das ist nicht einfach, insbesondere wenn die Aussagen des Gegenübers von den eigenen Meinungen und Werten abweichen. Das Kennenlernen anderer Haltungen kann aber durchaus ein Gewinn sein. Etwa wenn diese zum Nachdenken anregen, Verständnis wecken oder in einer konstruktiven Diskussion münden. Nicht umsonst versteht das jüdische Lehrhaus den Lernprozess als einen kontinuierlichen Wechsel von sich zuhören und sich austauschen. Den Talmud[5] lernen Studierende deshalb zusammen mit einem Lernpartner oder einer Lernpartnerin. Abschnitt für Abschnitt lesen sie sich den talmudischen Text gegenseitig laut vor, bevor sie ihn gemeinsam analysieren und darüber debattieren. Raum für aktives Zuhören und das Wahrnehmen der Haltung des Gegenübers ist da omnipräsent.
Zuhören um des Menschen und um Gottes willen
Wenn ich Studierende bei kurzen Textstudium-Sequenzen in Zweiergruppen zu dieser Lehrhaus-Methode einlade, tun sie sich zunächst schwer damit. Sich Texte laut vorlesend und zuhörend anzueignen, während andere im gleichen Raum dasselbe tun, ist ungewohnt. In der jüdischen Tradition heisst diese seit Jahrhunderten gebräuchliche Lernmethode «Chawruta», abgeleitet vom hebräischen Begriff «Chawer», auf Deutsch Freund oder Partner. Für die rabbinischen Gelehrten war das schon zur Zeit der Mischna und des Talmuds die ideale Form des Lernens. In den Worten des Gelehrten Rabbi Schimon ben Lakisch aus dem 3. Jahrhundert tönt das beispielsweise so: Hören zwei Tora-Gelehrte einander beim Diskutieren des jüdischen Gesetzes zu, hört auch Gott ihre Stimmen.[6] Aktives Zuhören um des Menschen und um Gottes willen.
Auch in der christlichen und in der islamischen Tradition gibt es den Aspekt des Zuhörens. «Jede und jeder von euch sei schnell zum Zuhören bereit, zögere jedoch mit dem Reden und dem Zürnen», heisst es etwa im Brief des Jakobus im Zweiten Testament.[7] Der Mensch soll hören auf das, was Gott sagt, sowie dem Gegenüber zuhören und nicht vorschnell oder gar im Zorn darauf reagieren: «Denn wer zornig ist, tut nicht, was Gott als gerecht anerkennt» (Jakobus 1,20). Und der Koran fordert zum Beispiel in Sure 10,67 den Menschen mit folgenden Worten auf, zu hören: «Er ist es, Der die Nacht für euch gemacht hat, auf dass ihr in ihr ruhen möget, und den Tag, (euch) sehen zu lassen. Darin, siehe, sind fürwahr Botschaften für Leute, die (willens sind, zu) hören.»[8]
Neues erfahren mithilfe von aktivem Zuhören
Den Begriff «aktives Zuhören» hat der amerikanische Psychologe Carl R. Rogers (1902–1987) in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entwickelt und geprägt. Seine Grundsätze – authentische und kongruente Haltung vis-a-vis dem Gegenüber, Anteilnahme und bedingungslose positive Zuwendung sowie empathisches Verstehen[9] – hat er als Methode für die Psychotherapie erarbeitet. Längst ist «aktives Zuhören» auch in anderen Bereichen wie in der Business-Welt gang und gäbe. Nicht immer geschieht das allerdings im Sinne von Rogers. Die Marketing-Fachfrau Anja Niekerke sagt dazu: «Es geht beim Zuhören NICHT darum, das Gegenüber zu etwas zu bewegen! (…) Es geht darum, etwas zu erfahren, was man vorher nicht wusste».[10] Etwas Neues erfahren und beim Zuhören das Gegenüber bedingungslos positiv wahrnehmen und ihm mit Empathie begegnen: Diese Prinzipien von Carl R. Rogers können auch im interreligiösen Dialog als hilfreiche Grundsätze dienen. Im «Leitfaden für den interreligiösen Dialog» des Interreligiösen Think-Tanks sind sie unter anderem in Leitlinie 5 (Die Haltung von Lernenden einnehmen) oder 2 (Radikaler Respekt vor dem Gegenüber ist grundlegend) verankert.
Biblisches Gesetz wider die üble Nachrede
Beim interreligiösen Dialog und bei anderen Begegnungen sind gewisse Regeln entscheidend für ein Gehört- und Verstandenwerden. Wie das aktive Zuhören ist zum Beispiel auch eine sorgfältige, überlegte Wortwahl von Bedeutung. «Ich will achthaben auf meine Wege, dass ich nicht sündige mit meiner Zunge. Ich will meinen Mund im Zaum halten, solange der Frevler vor mir steht», sagt David in Psalm 39,2. Im Judentum ist das Verbreiten übler Nachrede verboten und in den 613 biblischen Gesetzen auch explizit so verankert.[11] Die vielen rabbinischen Gelehrten, die sich seit Jahrhunderten mit diesem Gesetz auseinandersetzen, zeugen von der grossen Herausforderung, die es für den Menschen darstellt.[12]
Zuhören und sich begegnen: Daran führt kein Weg vorbei. Für ein friedliches Zusammenleben müssen wir Menschen gesellschaftliche Normen gemeinsam aushandeln. Wir müssen uns nicht in allem einig sein. Aber wir müssen einander zuhören oder uns zumindest auf Begegnungen mit der und dem «Andern» einlassen.
«(…) nochmals Schwingfest», so Peter Bichsel am Schluss der eingangs zitierten SRF-Passage: «Dort sitzen sehr viele kräftige Vertreter einer Partei, die nicht meine Partei ist. Ich weiss das, und sie wissen es, wo ich engagiert bin. Es ist nie die Rede davon, aber es tut uns beiden eigentlich gut, dass wir nebeneinandersitzen können. Ich meine nicht nur den Streit und die kräftige argumentierte Auseinandersetzung. Es tut mir hie und da gut, festzustellen, dass der andere, der ganz andere, ein Mensch ist.»
[1] Im Zug mit Peter Bichsel. Ein Gespräch über die Schweiz. SRF, Redaktion: Heinrich Vogler; «Passage» vom 21. März 2025 anlässlich von Bichsels Tod, www.srf.ch/audio/passage/im-zug-mit-peter-bichsel-ein-gespraech-ueber-die-schweiz?id=AUDI20250321_NR_0022, aufgerufen am 7. Mai 2025 (Teil der dreiteiligen Erstsendung vom 2. März 2010, www.srf.ch/radio-srf-2-kultur/hoerpunkt-hoerpunkt-archiv-2010).
[2] www.interrelthinktank.ch/leitfaden-fuer-den-interreligioesen-dialog-2/
[3] Zur gesellschaftlichen und politischen Polarisierung in der Schweiz vgl. Ivo Scherrer, Isabel Schuler und Flurina Wäspi: «Polarisierte Gesellschaft, gefährdete Demokratie?» Zürich: Pro Futuris/SGG, Juni 2025, www.polarisierung.ch. Diese Studie bildet den dritten Teil einer Reihe zu Polarisierung und Zusammenhalt in der Schweiz und widmet sich drei Aspekten: Haltung gegenüber unliebsamen Parteien im Kontext von Abstimmungen, Wahlen und öffentlichen Debatten; Austausch mit politisch Andersdenkenden; Bereitschaft zu politischen Kompromissen. Sympathien und Antipathien zwischen politischen und gesellschaftlichen Gruppen gehören zu den Themen des zweiten Teils der Studie vom März 2025, besonders polarisierende politische Themen zum ersten Teil vom Dezember 2024.
[4] In Genesis 17,5 erhält Abram seinen neuen Namen Abraham. Wo nicht anders angegeben, basieren biblische Texte auf der Zürcher Bibel, Zürich: Verlag der Zürcher Bibel beim TVZ Theologischer Verlag Zürich, 2007.
[5] Sammlung von Kommentaren und Diskussionen zur mündlichen Gesetzeslehre (Mischna), gehört zu den wichtigsten nachbiblischen Schriften des Judentums; Babylonischer Talmud ca. im 7. Jahrhundert, Jerusalemer Talmud ca. im 5. Jahrhundert und Mischna um das Jahr 220 abgeschlossen.
[6] Babylonischer Talmud, Schabbat 63a (www.sefaria.org).
[7] Jakobus 1,19; zitiert aus der Bibel in gerechter Sprache. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus, 2006.
[8] Zitiert aus Muhammad Asad: Die Botschaft des Koran. Düsseldorf: Patmos, 2009. Meinen Kolleginnen Doris Strahm und Rifa’at Lenzin danke ich herzlich für ihre Hinweise zum Thema «Zuhören» im Zweiten Testament und im Koran.
[9] Rogers, Carl R.: Der neue Mensch. Stuttgart: Klett-Cotta, 1981, S. 67–68; Niekerken, Anja: Das Geheimnis richtigen Zuhörens. Wie Sie erfolgreicher und besser kommunizieren. Wiesbaden: Springer, 2020, S. 97–98.
[10] Niekerken 2020, S. 100; in den Worten von Rogers: «aktives, sensibles, genaues, einfühlsames, nicht bewertendes Zuhören» (Rogers 1981, S. 25).
[11] Vgl. z.B. die beiden bis heute gebräuchlichen Gesetzescodices Sefer Hamizwot (12. Jahrhundert; Gebot N 301) und Sefer Hachinuch (13. Jahrhundert; Gebot 236).
[12] Vgl. z.B. Babylonischer Talmud, Arachin 15b; Raschi zu Exodus 4,6; Midrasch Tehillim zu 39,2 (www.sefaria.org).