Die Enthüllung von immer mehr Fällen sexueller Gewalt an Kindern und anderen Formen des Missbrauchs in der römisch-katholischen Kirche und der kirchliche Umgang damit zeigen, dass die Institution in einer grundlegenden Krise steckt. Erschreckend ist nämlich nicht allein, dass Priester, die für Kinder und Jugendliche Vertrauenspersonen waren und moralisches Vorbild sein sollten, die körperliche und psychische Integrität von Minderjährigen verletzten. Erschreckend ist auch, wie der Vatikan und zum Teil auch die Ortsbischöfe mit den Pädophiliefällen umgehen. Trotz der Ankündigung, die Verfehlungen lückenlos aufzuklären und die schuldigen Priester zur Verantwortung zu ziehen, wird auf der anderen Seite «Schadensbegrenzung» versucht: Sexuelle Vergehen von Priestern an Kindern hätten nichts mit den kirchlichen Strukturen oder dem Pflichtzölibat zu tun, sondern mit der libertären Gesellschaft und der «Diktatur des Relativismus».
Manche Äusserungen wirken so, als ob die Kirche als Institution und ihre Amtsträger sich als Opfer sehen – der Medien, der Öffentlichkeit. Statt eines Schuldeingeständnisses und klaren Worten des Papstes, wie es die Öffentlichkeit von einer Institution erwartet, die sich seit jeher eine rigoristische Sexualethik auf die Fahnen geschrieben hat, werden die Medien beschuldigt, eine Kampagne gegen den «Heiligen Vater» zu führen. Ihre erichte, die die Übergriffe überhaupt erst öffentlich gemacht haben, werden als «Geschwätz» abgetan. Wichtigstes Ziel ist, wie es scheint, die Institution Kirche zu schützen, nicht die Menschen beziehungsweise die Opfer.
Diese deologische Haltung hat System. Die Heiligkeit der einen, römisch-katholischen Kirche steht über allem. Sie gilt es mit allen Mitteln zu bewahren: So werden Frauen mit theologisch unhaltbaren Argumenten von der Priesterweihe und der Hierarchie – der Heiligen Herrschaft – ferngehalten, um die Heiligkeit einer priesterlichen Männerkirche nicht zu gefährden. So werden verheiratete Männer nicht zum Priesteramt zugelassen, um die Heiligkeit des Pflichtzölibats aufrechtzuerhalten – auch wenn dadurch immer mehr Gemeinden seelsorgerlich unterversorgt sind. So werden Befreiungstheologen und feministische Theologinnen verurteilt und von Lehrstühlen entfernt, um die Reinheit der patriarchalen dogmatischen Lehre zu bewahren. So werden geschiedene und wiederverheiratete Männer und Frauen nicht zur Eucharistie zugelassen, um die Heiligkeit der katholischen Lehre von der Unauflöslichkeit der Ehe nicht zu schwächen. So werden selbst bei Aids Kondome verboten, um die Reinheit der katholischen Sexualmoral nicht zu beschmutzen.
Wie ein absolutistisches System regiert der Vatikan gemäss seinen eigenen «heiligen» Regeln – fernab von den realen Bedürfnissen und Nöten von realen Menschen in der realen Welt.
Joseph Ratzinger, der in diesen Tagen den fünften Jahrestag seiner Wahl zum Papst als Benedikt XVI. feiert, ist die perfekte Verkörperung dieses Systems der Heiligen Katholischen Kirche. Viele der genannten Verbote gehen auf seine Amtszeit als Präfekt der vatikanischen Kongregation für die Glaubenslehre zurück. In dieser Funktion hat er auch die Erklärung «Dominus Iesus. Über die Einzigkeit und die Heilsuniversalität Jesu Christi und der Kirche» (2000) veröffentlicht, in der er die Heilsexklusivität Jesu Christi und der katholischen Kirche gegenüber allen anderen Religionen bekräftigt – dies in scharfer Ablehnung jener theologischer Positionen, die sich im interreligiösen Dialog für eine Anerkennung anderer Religionen als gleichwertige Heilswege stark machen.
In seinem Pontifikat hat er diese Einzigkeit der einen katholischen Kirche gegenüber anderen Glaubenswegen weiter zementiert und jüdische, muslimische und evangelisch-reformierte Glaubensgemeinschaften vor den Kopf gestossen. So hat er mit der Verlautbarung «Antworten auf Fragen zu einigen Aspekten bezüglich der Lehre über die Kirche» (2007) die Einzigartigkeit der römisch-katholischen Kirche gegenüber den Kirchen der Reformation betont und diesen den Status von Kirche im eigentlichen Sinn abgesprochen – ein Schlag ins Gesicht für alle evangelischen ChristInnen und für all jene, die seit Jahrzehnten an der kirchlichen Basis Ökumene praktizieren. In seiner «Regensburger Rede» von 2006 beleidigte er die MuslimInnen, indem er in seinen Reflexionen zum Verhältnis von Religion und Gewalt ein mittelalterliches Zitat aufgriff, das dem Islam nur Schlechtes und Inhumanes attestierte. Ein Affront gegen Juden und Jüdinnen und ein Skandal sind die jüngsten Entscheidungen des Papstes, die alte antijüdische Karfreitagsfürbitte zur Bekehrung der Juden wieder zuzulassen sowie die antisemitische Piusbruderschaft und den Holocaust-Leugner Richard Williamson in den Schoss der Kirche zurückzuholen. Um der Einheit der Heiligen Katholischen Kirche willen toleriert Benedikt XVI. den Antisemitismus von Traditionalistenbischöfen. Die Bewahrung der «Una Sancta Catholica» steht über allem.
Diese Haltung ist ein Verrat am Leben und Wirken des jüdischen Wanderpropheten Jesus von Nazaret, in dessen Nachfolge sich die Kirche und der Papst ja sehen. Jesus ging es immer um das konkrete Wohl und Heil der Menschen – der Kinder, Frauen und Männer, denen er begegnete.
© Interreligiöser Think-Tank. Basel, 18. April 2011/ Stellungnahme zum Missbrauchs-Skandal in der römisch-katholischen Kirche und zum Pontifikat von Benedikt XVI. – als PDF